Die erste Langstrecke im E-Auto, ein Erfahrungsbericht

TLDR: Es war weniger kompliziert und angenehmer, als befürchtet. Aber es ging nicht ohne Reibung und ein kleines Bisschen ärgern. Trotzdem war es am Ende billiger und eigentlich gleich schnell. Überrascht hat mich, dass ich trotz der geringen Ladeleistung, die Stopps durch Kaffee, Kuchen bzw. das Abendessen oder Frühstück bestimmt wurden, nicht über die Ladezeit. Und es gäbe trotzdem noch Verbesserungsbedarf. Aber im Detail

Die Idee

Nachdem die niedrigen österreichischen Spritpreise, verglichen mit den hohen Kosten für öffentliches Laden, mich lange Zeit davon abhielten, haben die deutlich gestiegenen Spritkosten jetzt doch dazu geführt, dass mein grüner Renault 5 (Kermit) nun zum ersten Mal auf Langstrecke ranmusste.

Wie ich in der Vergangenheit dargelegt habe, ergab sich mit „normalen“ Österreichischen Super-Preisen von ~1,60 €/l ein „Break-Even-Strompreis“ von Kermit zum konventionellen Skoda von ~ 0,35 … 0,39 €. Also unterhalb dessen, was an öffentlichen Ladesäulen möglich ist. Mit dem Irankrieg hat sich dies aber geändert. Bei 1,80 € liegt der Break Even schon bei 0,48 €. Daher entstand die Idee, bei einem Anfang April geplanten Trip nach Deutschland (~900 km von zuhause bis wieder zuhause) doch statt dem Skoda eben Kermit zu nutzen. Auch da ich im Mai noch einen weiteren Trip unternehmen muss, bei welchem ich eben auswärts werde laden müssen.

Die Vorbereitung

Zu allererst nutzte ich „A Better Route Planner“ ohne weitere Einstellungen, nur eben durch Auswahl meines Renault 5 und kleinerer Spielereien bzgl. des Akkustands bei Start und bei Ankunft. Das Ergebnis waren 2 Ladestopps, pro Richtung, je einmal bei ENBW und einmal bei IONITY. Aufgrund des nach wie vor vorhandenen Ladekartendschungels und der grenzüberschreitenden Natur der anstehenden Fahrten, beschloss ich, bevor ich mich durch alles von Hand wühle, dem M365 Copiloten damit zu beauftragen, mich hier zu beraten. Dieser riet mir dazu, entweder ein Ionity Mobile Abo für 6,99 € zu nehmen und zusätzlich die kostenlose EnBW Smatrics karte/App zu verwenden, oder aber zu versuchen alle Ladestopps bei Ionity zu machen und den Ionity Power Tarif für 11,99 € abzuschließen. Eine kurze Gegenprobe mittels A better Route Planner, mit Ionity Ladestopps geplant ergab, dass die vorgeschlagene Lösung zum einen problemlos möglich, zum anderen auch kostengünstiger war.

Kurz vor beginn der Reise, sanken die Spritpreise wieder, sodass mein Referenzpreis nun plötzlich 1,70 € waren und außerdem auch der Faktor Zeit mitspielte. Weiteres Spielen mit ABRP ergab, dass ich ohne Erfahrungswerte dessen Algorithmus nicht nachvollziehen kann . Gebe ich als Referenzverbrauch statt der für den R5 standardmäßig vorgegebenen 160 Wh/km 180 ein, bekomme ich als Ergebnis einen Verbrauch von weit über 200 Wh/km. Selbst mit 160 sind es noch gute 200….

Also kurzerhand das Auto selber befragt. Ionity als Ladeprovider einzustellen war zwar versteckt, aber kein Problem und schon hatte ich einen Plan mit 2 Stopps/Richtung wobei das Auto den Verbrauch für die Strecke mit etwa 190 kWh/km schätzte. Die Rechnung ergab eine Ersparnis gegenüber der Fahrt mit dem Skoda von etwa 10 €. (Gegenüber MEHRKOSTEN von 10 Euro gemäß der ABRP Rechnung). Bei Verwendung des kleinere Ionity Tarifs, wären immerhin noch 3 € Ersparnis übrig geblieben (oder die Mehrkosten auf 13 € angestiegen). Ich entschloss mich, es trotzdem zu wagen und buchte den „großen“ Ionity Tarif für einen Monat.

Die Fahrt

Ziel in Navi eingeben und ab die Post. Der Erste Ladestopp nach knapp 2 h (so die Planung) und Ankunft mit 21%. Die Realität ist, wir kommen nach etwas über 2 h (wegen Stau am Grenzübergang und starkem Regen auf den ersten Autobahnkilometern) mit 31% am ersten Schnellladepunkt an. Hier erst einmal die Ernüchterung. Statt einfach das Handy mit der App vor den Kartenleser zu halten oder einen der 5 QR-Codes auf de Säule zu Scannen, finde ich nach 5 Minuten probieren raus, dass ich in der App den Ladepark (Per GPS Erkennung) und anschließend die Säulennummer auswählen muss. Okay, ginge zwar einfacher, aber wenn man es mal weiß. Anschließend saugt das Fahrzeug aber mal eben 80 kW aus der Leitung (Angebliche maximale Ladeleistung 100 kW). Der Toilettenbesuch und der Besuch des Cafés neben der Ladesäule dauen aber länger als das Auto braucht um auf den Zielladezustand zu kommen. Macht nichts, weiter geht’s.

Diesmal gibt das Auto eine Etappe von 1,5 h und gut 30% am nächsten Ladestopp an. Und ich schallte das Auto vom Eco- in den Comfortmodus, um die 130 bequemer fahren zu können. Man will ja doch ankommen. Schon bei München wird klar, dass wir mit fast 40% am geplanten Ladestopp ankämen. Da ich von meinen Spielereien am Vortag weiß, dass es nur 40 km weiter einen weiteren Ladepunkt mit besserer kulinarischer Auswahl (Statt nur Aldi und McD…) gibt, beschließe ich kurzerhand vorbei zu fahren. Wie erwartet, plant das Auto dann einfach um. Ankunft am gewünschten Ladepark mit 21%, App anmelden, Auto anstecken und ab zum Essen. Wieder lädt das Auto schneller als wir Essen können (Spitzenwert in der App beobachtet: 87 kW). Aber was solls, dann muss ich am Heimweg nicht noch vor der Autobahn laden.

Bei meinem Kumpel kommen wir mit ~60% an. Netterweise darf ich seinen JuiceBooster nutzen, natürlich gegen Bezahlung nach kWh.

Der Heimweg startet also mit ~ 80% Akku. Ich Folge dem Vorschlag des Autos und komme mit 28% an. Das Frühstück dauert so lange, dass das Auto sogar die 100% erreicht. Und auch der letzte Ladestopp wird mit 36% erreicht und dauert so lange wie der Kaffee, nicht so lange wie die geplante Ladezeit um heim zu kommen. Zuhause komme ich dann mit 30% an. Bei diesen Stopps habe ich nicht mehr auf die Ladeleistung geachtet.

Die Kosten

Inklusive des Ionity Abos, habe ich 70,07 € für die Stecke bezahlt. Gute 35 kWh mit meinem Haushaltstarif, 10 kWh mit dem meines Kumpels und 140 kWh bei Ionity. Gegenüber dem Benziner, trotz wieder gesunkener Preise wurden etwa 11 € gespart. Verbrauch inkl. Der Ladeverluste waren 205 Wh/km. Nicht wenig, aber eben mit weitgehend 130 km/h auf der Autobahn in einem Auto, welches eher für den Stadtverkehr ausgelegt ist.

Fazit – das E-Auto für die Stadt ist Langstreckentauglich

Ich vermisse die hohen Laderaten von manchen anderen Fahrzeugen nicht. Sicher, ich war „zum Spaß“ mit ausreichend Zeitpuffer unterwegs, und ein Ladestopp weniger wäre toll gewesen, aber während des Ladens in Ruhe einen Kaffee zu trinken oder zu Essen, statt extra Tank- oder kürzerer Ladestopps und zusätzlichen Stopps zum Essen oder für einen Kaffee ist mir eigentlich lieber.

Lieber wäre es mir allerdings, wenn ich auch ohne Abogebühren vernünftige Ladepreise bei egal welchem Anbieter bekäme. Das würde das planen wegfallen lassen und man würde laden, wenn man entweder leer ist, oder wo es das Restaurant gibt, welches man besuchen möchte. Hier gehört Seitens des Gesetzgebers dringend ein Riegel vorgeschoben.

Aber grundsätzlich funktioniert es. Stressfreier als gedacht, dank vorgeplanter Ladestopps im Navi und mit minimalem Zeitverlust gegenüber dem Verbrenner (tanken und Essen hätte ich ja trotzdem müssen und mit meinem Koffeinbedarf ist nicht zu spaßen).

Wie seht ihr das Thema? Lieber getrennt Essen und Laden? Und seht ihr das Abo auch wie ich als Problem?

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